Zukunft der Jugend liegt auf der Straße

Von Franco Clemens, 17.11.08, 22:17h, aktualisiert 17.11.08, 22:18h

Für die Integration von Jugendlichen, besonders aus ethnischen Minderheiten, spielen Streetworker eine Schlüsselrolle: Im Idealfall können diese die Brücke ins gesellschaftliche Leben sein und Jugendgewalt vorbeugen. Dazu brauchen sie jedoch mehr Mittel – und auch rechtliche Sicherheit.

Franco Clement ist pädagogischer Leiter eines Jugendzentrums in Meran (Südtirol) und langjähriger Streetworker in Köln-Finkenberg.

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Franco Clement ist pädagogischer Leiter eines Jugendzentrums in Meran (Südtirol) und langjähriger Streetworker in Köln-Finkenberg.

Unser Autor deutet Jugendgewalt als Folge einer Spannung zwischen staatlicher Repression und den Bedürfnissen Jugendlicher. BILD: DPA

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Der öffentliche Raum hat für Jugendliche eine ganz besondere Bedeutung. Die heutige Jugendkultur hat aber ein gestörtes Verhältnis zum öffentlichen Raum, da er mit Verhaltensauflagen belegt ist, die mit den Interessen und Bedürfnissen von jungen Menschen kaum vereinbar sind. Unerwünscht oder gar verboten sind zum Beispiel laute Musik, Treffen in großen Gruppen, Motorengeheule, sportliche Aktivitäten wie Skaten, erste sexuelle Annäherungen Gleichaltriger, Graffiti. All dem steht aber kein adäquates Angebot an kommerzfreien, attraktiven Freiräumen seitens der Kommunen gegenüber, das sich an den Interessen Jugendlicher und junger Erwachsenen orientiert. So entsteht automatisch ein Spannungsverhältnis zu den Überwachungsorganen wie Polizei und Ordnungsamt, das – je nach persönlicher Repressionserfahrung – in eine latente Wut auf den Staat oder ein Wirtschaftssystem umkippen kann, welches die Bedürfnisse der Jugend ignoriert.

Ethnische Minderheiten und Migrantengruppen sind hier besonders aufmerksam zu betrachten. Diese neigen durch homogene Gruppenbildung dazu, ihre kulturellen Eigenheiten – wie Sprache und religiöse Vorstellungen, aber auch politische Weltbilder – zu erhalten, was eine Integration erschwert und zum Teil unmöglich macht. Sprach- und Bildungsdefizite, Diskriminierungserfahrungen, soziale Schieflage in Verbindung mit mangelnder Unterstützung durch staatliche Institutionen einerseits, der Überforderung in den (notwendigen) Anpassungsprozessen andererseits – all das führt die betroffene Minderheit und die jeweilige kulturelle Mehrheit schnell in einen Kreislauf gegenseitiger Schuldzuweisungen.

Öffentliche Anklagen, politische Instrumentalisierung und soziale Ausgrenzung sowie staatlich verordnete Unterbringung in ethnisch homogenen Wohnsilos oder Übergangsheimen verstärken die Neigung, an der alten Kultur festzuhalten, die man eigentlich durch die Migration schon abzulegen bereit war und der man sich nun als „hier geborener Ausländer“ wieder nähert. In manchen Migrantenkreisen führt dies zur Reanimierung rückwärtsgerichteter extremer politischer oder religiöser Weltbilder.

Nur wer etwas zu verlieren hat, wägt seine Interessen ab. Deshalb sind die Teilhabe an der Konsumgesellschaft in Form adäquat bezahlter Arbeit sowie ein flächendeckendes soziales Netz im Falle der Not ein unerlässliches Instrument zur Bewahrung des inneren Friedens. Eine Kommune, die sich für ihre Minderheiten und Jugendkulturen interessiert, wird in diesen Gruppen stets Ansprechpartner finden, die die Integration aus eigenem Antrieb voranbringen. Im Spannungsfeld zwischen falscher Toleranz und sträflicher Ignoranz wurde es aber bisher in vielen Kommunen versäumt, sich den Schattengesellschaften und Jugendkulturen zu widmen. Speziell die Jugend lässt sich dank ihrer emotionalen Ansprechbarkeit und ihrer nachvollziehbaren Bedürfnisse über entsprechende Angebote, Aufklärung und pädagogisch geschulten Umgang gut erreichen oder wieder „einfangen“.

Die Jugendarbeit und insbesondere die Arbeit der Streetworker ist dabei der Schlüssel zum Erfolg, wenn sie nicht von politischen und wirtschaftlichen Interessengruppen mit Rückhalt in Parteien und Medien ausgebremst werden. Kompetente Streetworkerarbeit bedeutet, Zugang zu bereits bestehenden Jugendgruppen zu bekommen, Vertrauen zu entwickeln und die Klientel entweder in eine schon vorhandene Angebotsstruktur einzubinden oder ihnen individuelle Hilfen in Kooperation mit öffentlichen Einrichtungen anzubieten.

Fehlt es daran, reduziert sich die Streetworkarbeit formal auf die Lösung aktueller Konflikte und dient der Kommune lediglich als Informationsquelle über aktuelle Entwicklungen in der Szene. Im Idealfall ist Streetworkarbeit aber die Brücke für eine Integration ihrer Klientel. Nur braucht sie dafür eben die entsprechenden Instrumente sowie – eine „informelle Ebene“ im Kontakt mit Polizei und Ordnungsamt, um pädagogisch Einfluss nehmen, Verhaltensänderungen herbeiführen oder verdeckt bei der Aufklärung von Straftaten helfen zu können.

Nicht umsonst wird vielerorts gefordert, dass Streetworker – wie Pfarrer, Ärzte und Anwälte – einer bestimmten Form der Schweigepflicht beziehungsweise das Recht auf Informationsverweigerung gegenüber der Justiz haben. Die Mitwisserschaft bei kleineren Straftaten wie etwa Drogenkonsum oder kleineren Diebstählen und die Kenntnis über organisierte Strukturen mit krimineller Energie gehören zum Alltag der Streetworker, die im Auftrag des Staates täglich einen schwierigen und zum Teil gefährlichen Grenzgang vollziehen müssen.

Quelle: KSTA..18.11.2008

http://www.ksta.de/html/artikel/1226655088870.shtml

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